Wenn der Wecker in der Früh läutet und der Straßenlärm durch die Fenster wummert, beginnt das, was man in der westlichen Welt das aktive Alltagsleben nennt. Schlagwörter wie Produktivität, Fleiß, Wettbewerb bestimmen dieses Leben von acht oder neun bis zumindest fünf am Nachmittag. Für viele lässt auch in der Freizeit der Druck nicht nach. Wir sind nonstop erreichbar. Ruhige Passivität gilt als Zeitverschwendung für Faule. Niksen ist eine Technik aus den Niederlanden, die ein neues Gleichgewicht schaffen will und im besten Fall durch „Nichtstun“ mehr Spaß am Produktivsein bringt.

Aus einer Gesellschaft, die bis in die Fünfziger Jahre noch ausgedehnte „Sommerfrischen“ und „Feierabende“ kannte, wurde nach dem Überwinden der Nachkriegsära eine durchdisziplinierte Wirtschaftsgesellschaft. Es folgten die bunten 80er mit Vollgas, Konzernen und Turbokapitalismus. Nichts konnte schnell genug gehen, weder das Wachstum der Wirtschaft noch die Schrumpfung der Umweltressourcen. Dann kamen die Mobiltelefone mit der ständigen Erreichbarkeit und das World Wide Web und E-Mail und Mobile Offices ... und alles wurde immer vernetzter und schneller. Verschiedene Entschleunigungsphilosophien sind nun die Gegenantwort darauf.

Bild einer Frau die mit Smartphone vorm Laptop sitzt.
Die ständige Erreichbarkeit in der modernen Leistungsgesellschaft führt zu hoher Belastung und Druck, so dass Arbeitszeit, Freizeit, Wochenende etc. oft nicht mehr voneinander trennbar ist.
Christina Wocintechchat auf Unsplash

Nichts macht die Niederländer so glücklich.

Eines davon gilt als Geheimrezept der Niederländer, die ja bekanntlich und einschlägigen Studien folgend gemeinsam mit den Skandinaviern zu den glücklichsten und tolerantesten Menschen unseres Planeten gehören. Die Niederländer machen nämlich ganz einfach gegen Stress und extreme Beschleunigungserscheinungen wie Burnout: nichts. Dabei sind die Niederlande kein exotischer Kleinstaat mit ebensolchen Lebensritualen, die man lächelnd abtun kann. Das kleine Land im Norden ist wirtschaftlich, sportlich und politisch durchaus ernst zu nehmen.

Trotzdem kommt gerade von dort dieser Trend: Statt Hyperaktivität schwören so manche Niederländer auf Inaktivität als Erholungstechnik und Ausgleich vom Alltag. Nichts machen und der Muße frönen, was den knackigen Namen „Niksen“ trägt. Niksen bedeutet im Niederländischen so viel wie Nichtstun oder Müßiggang.

„Gar nichts tun, das ist die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt.“
Oscar Wilde

Illustration einer Frau, die auf einer Decke liegt und döst.
Nichtstun soll zu einer neuen Harmonie des Gleichgewichts zwischen Be- und Entlastung führen.
Illustration: Offset

Warum Niksen?

Was viele als Errungenschaft preisen, hat wie alles auch seine Schattenseiten. Das Verschwimmen von Arbeitswelten und privaten Lebenswelten mag für viele ein Segen sein, für die meisten birgt es Risiken, die sich auf Seele und Psyche auswirken können. Ein verschobenes Verhältnis von Belastungen und Ressourcen am Arbeitsplatz kann die Gesundheit und die Motivation der Menschen gefährden.

Neben dem Stress im Beruf kommt dazu, dass auch im Privatleben mit Familie und Freunden immer „Action“ stattfindet. Kinder müssen trainieren, üben, lernen. Erwachsene stopfen Workouts, Networking, Business-Dinners und ähnliche Termine in die knappe Freizeit. Das Handy tut ein Übriges mit Klingeln, Textmessages, Terminerinnerungen & Co dazu. Kein Wunder, wenn bei dieser alltäglichen Hektik und der ständigen Erreichbar- und Verfügbarkeit sich manche überlastet fühlen und mitunter emotional ausgelaugt sind. 

„Der ist kein freier Mensch, der sich nicht auch einmal dem Nichtstun hingeben kann.“
Marcus Tullius Cicero

Grüner Pflanzenhintergrund mit Schriftzug Breathe in Neonbuchstaben.
"Durchatmen" fällt in der heutigen Leistungsgesellschaft zunehmend schwieriger. Neben dem Stress im Beruf, ist auch die knappe Freizeit oft mit Terminen vollgepackt.
Tim Goedhart auf Unsplash

Aktives Niksen hat nichts mit Faulheit zu tun.

Nichtstun braucht Mut. Niksen hat viel mit dem italienischen „dolce far niente“, also mit dem süßen und bewussten Genießen unproduktiver Zeit zu tun. Für disziplinierte Europäer bedeutet es oft eine große Überwindung, diese Zeit ohne Zielrichtung zu verbringen. Schlechtes Gewissen, ein Gefühl der Nutzlosigkeit und Zeitverschwendung stellt sich wie eine Mauer vor das Ziel des Niksens. Es fällt uns schwer, aus dem Korsett von Effizienz, Fleiß und dem Trieb zur Nützlichkeit auszubrechen.

Die vielen Aspekte des Niksens:
Niksen kann so viele Gesichter haben. Man kann spazieren gehen und die Gedanken wandern lassen, einen Pullover stricken und dem Geist einmal so richtig frei geben oder ganz einfach auf seiner Couch sitzen, Musik hören und Luftschlösser bauen. Ganz egal, welche Technik für euch die richtige ist, Niksen sollte man nicht übertreiben!

Chronisches Herumlungern und ständige Alltagsverweigerung machen uns nicht aktiver, sondern schlapp und unausgeglichen. Nichtstun soll uns helfen, die Balance zu kriegen. Es gibt einen wissenschaftlich bewiesenen Zusammenhang zwischen einem gut ausbalancierten Gleichgewicht von Produktivität, Entspannung, bewusstem Erleben und Lebensglück.

Frau geht im Herbst im Wald spazieren.
Beim Niksen könnt ihr spazieren gehen, aber auch einfach auf der Couch sitzen, oder Musik hören. Aber: Nur die richtige Dosis macht Niksen sinnvoll.
Dmitry Schemelev auf Unsplash

Drei Tipps zum unbeschwerten Einstieg ins Niksen-Abenteuer:

  1. Nehmt jeden Tag ein paar Minuten Zeit, in denen ihr nichts tut, welches einen bestimmten Zweck oder ein bestimmtes Ziel verfolgt. Macht es euch bequem und lasst euch ein bisschen fallen. Genießt diese Zeit ganz bewusst.
  2. Habt den Mut, Mobiltelefon, Tablet, Computer und TV für eine bestimmte Tageszeit auszuschalten. Niemand muss euch jetzt erreichen oder etwas verlangen.
  3. Freut euch schon vorher auf diese Momente des Niksens als aktive Übungen für euer Wohlbefinden, nicht als nutzlose Zeitverschwendung.