Man kann in einer Woche durch ganze Kontinente rasen und dabei auf Speed, Masse, Selfies und Fastfood setzen. Oder man wird auf einem Fahrrad als „Bike-Packer“ selbst zum Motor einer menschlichen, intensiven Art des Reisens. Mit einer Geschwindigkeit, die es zulässt, jeden Schmetterling am Wegesrand zu betrachten und dabei noch die sportliche Herausforderung der aktiven Bewegung zu meistern.

Ökologie und Fitnesstraining verbinden sich beim Bike-Packing mit einem intensiv erlebten Abenteuer. Der radfahrende Fotograf Constantin Gerlach und sein Reisepartner Jonas haben für uns ihren Weg des Reisens mit reiner Muskelkraft auf ihrer Tour durch Portugal festgehalten und Fragen zu Bike-Packing beantwortet.

Constantin, wie kamst du zu deinen abenteuerlichen Fahrten „into the wild“, was war dein persönlicher Weg zu dieser Leidenschaft?
Begonnen hat das Bike-Packing 2014 mit meiner Bachelor Arbeit in Fotografie. Für diese bin ich zwei Wochen lang die französische Nordseeküste, von Brest nach Dieppe, abgefahren und habe das Ganze fotografisch dokumentiert. Ihr müsst euch das vorstellen: 1.100 km auf einem Bahnrad, das ist ein Fixie ohne Schaltung, ohne Leerlauf, ohne Bremse. Ich hatte absolut keine Ahnung vom Radreisen, mieses Wetter, das denkbar ungünstigste Fahrrad und viel zu viel Zeug dabei. Doch trotz falschem Rad im Gepäck hat mich das Bike-Packing voll gepackt!

Wie würdest du das, was du auf zwei Rädern machst, einem Laien beschreiben. Ist es Radwandern, Gravel Biking, Bike-Packing oder alles zusammen oder ganz was anderes …?
Tatsächlich ist es alles zusammen. Ich habe ein Gravel Bike, mit dem ich von kurzen, sportlichen Feierabendrunden und Overnighter am See in meiner Umgebung über das Bike-Packing an weiter entfernten Orten alles mache.

Wie bereitest du dich körperlich auf deine Touren vor?
Eigentlich bereite ich mich aufs Radfahren mit Radfahren vor. Da ich regelmäßig Rad fahre, habe ich eine gewisse Grundfitness, die hilft. Der Rest kommt dann während des Trips, es wird meistens von Tag zu Tag eher einfacher als anstrengender.

Bild von einem Rad mit Gepäck.
Der Drahtesel kann mehr: Mit Bike-Packing wird das Rad zum ökologischen Reisemobil für intensive Erlebnis-Touren.
Constantin Gerlach

Wohin führte dich dein Fahrrad schon, und was waren deine Highlights?
Bis jetzt in die Bretagne und Normandie, nach Polen, Dänemark, Portugal und Spanien. Allerdings auch lange nicht an so viele Orte, wie ich es mir wünschen würde. Natürlich habe ich mir vorgenommen, das zu ändern.

Kannst du uns das berührendste Erlebnis auf deinen Bike-Packing-Touren erzählen?
Am berührendsten war für mich sicherlich mein Heulanfall in Frankreich am dritten Tag Dauerregen und 13°C in Folge, beim Bergaufschieben meines Fahrrads, da der Gang meines Bahnrades viel zu schwer war. Ich fragte mich, was zum Teufel ich mir dabei eigentlich gedacht hatte. Im Nachhinein wurde daraus einer der besten Tage der Tour. Weil ich den Tag und das mentale Tief überwunden habe.

Wie schaut’s mit der Ernährung und dem Kochen aus, rein funktional oder gibt’s auch Gaumenfreuden?
Ich bin kein Ernährungsexperte, achte aber darauf, dass ich mehr gesunde Fette und Proteine zu mir nehme, wenn ich „on the road“ bin. Ich halte allerdings auch gerne einmal beim Bäcker und gönne mir etwas Süßes, um meine Kohlenhydratspeicher genussvoll aufzufüllen. 

Zur Ausrüstung: Welches Rad fährst du und wie bereitest du es vor?
Ich habe mir letztes Jahr einen Traum erfüllt und mir einen Custom-Stahlrahmen in Berlin von Cicli Bonanno von Hand bauen lassen. Das Modell nennt sich „Stay Loco“. Es ist quasi das Swiss Army Knife unter den Fahrradrahmen und fühlt sich in allen Disziplinen wohl. Es ist immer einsatzbereit, und das Einzige, was ich für meine Reisen ändere, ist, zwei zusätzliche „Anything Cages“ an die Gabel zu schrauben, Taschen anzubringen – fertig.

Welches Rad würdest du für Anfängerinnen und Anfänger empfehlen?
Ich bin ein großer Freund von Stahlrahmen. Vor allem offroad macht sich der Mehrkomfort des flexibleren Stahls deutlich bemerkbar und verzeiht den einen oder anderen Fahrfehler. Geometrie und Typ des Rahmens sollte man davon abhängig machen, wie sportlich man unterwegs sein und welche Art Terrain man erkunden möchte. Bike-Packing kann schließlich vom Rennrad über das Gravel Bike bis hin zum Fat Bike alles bedeuten. Für den Anfang ist denke ich ein All Road / Gravel Bike am geeignetsten, da man so in den Genuss von On- und Offroad-Fahren kommt und so auch schnell feststellen kann, was einem mehr liegt.

Bild von einem Mann bei seinem Fahrrad, mit Gepäck auf dem Fahrrad.
Wichtig ist leichtes Gepäck, das optimal auf dem Rad verteilt wird. Das bringt auch auf unebenen Strecken mehr Sicherheit und Spaß.
Constantin Gerlach

Und was braucht man außer dem Rad noch fürs Bike-Packing und noch wichtiger: Was kann man auf jeden Fall daheim lassen?
Ich habe mal jemanden getroffen, der auf dem Weg zum Nordkap war und tatsächlich eine gusseiserne Pfanne dabei hatte. Die würde ich zu Hause lassen! An erster Stelle kommen gute Radtaschen. Am besten solche, die dabei helfen, das Gewicht gleichmäßiger über das Fahrrad zu verteilen. Dadurch verbessern sich die Fahreigenschaften mit Gepäck massiv. Was ich immer dabei habe, sind ein paar extra Spanngurte, mit denen sich alles Mögliche irgendwo ans Rad binden lässt.

Gibt es Anfängerfehler?
Ich glaube, ein „Fehler“ ist, alles genau planen zu wollen. In Frankreich zum Beispiel habe ich meine Strecke unterwegs mehrfach geändert, da mir Locals besondere Orte oder Routen empfohlen haben. Und das hat den Trip am Ende wirklich ausgemacht.

Was wäre deine cyclistische Traumtour, frei nach dem Motto: Dort will ich einmal im Leben hin, das will ich entdecken?
Vielleicht ist es der Nordseeradweg, der eigentlich eher aus Zeitgründen ein Traum ist. Der Nordseeradweg umfasst beinahe 6.000 km von Schottland über England, Holland, Deutschland, Dänemark und Schweden bis nach Bergen in Norwegen. Oder einmal rund um Island, das ist definitiv auch ein Traum.

Geht’s beim Bike-Packing auch um Selbsterfahrung, um eine Reise zu sich selbst?
Für mich schon. Ich reise auch sehr gerne alleine, vergesse dabei die Zeit und deaktiviere auch die „mobilen Daten“ auf dem Handy. Während ich zu Hause gefühlt alle 10 Minuten durch Instagram scrolle, lässt mich das unterwegs völlig kalt. Da reicht es mir, nach einem Tag auf dem Rad in der Natur zu sitzen und einfach nichts zu tun und mit mir selbst zu sein.

Kannst du uns Websites oder Literatur empfehlen?
Da gibt es zwei Websites, die ich unbedingt empfehlen kann: Alles rund ums Bike-Packing – bikepacking.com – und perfekt zum Planen der Routen – komoot.com

Illustration von einem Fahrrad mit Gepäckzubehör.
Mehr Raum, wo kein Platz ist! Wie man sein Fahrrad zum Raumfahrzeug fürs Bike-Packing macht.
Illustration: Sascha Bierl (für das WELLIFE Magazin, Ausgabe 2019)

A) Für die Nacht: Schlafsack, Biwaksack, Isomatte
B) Griffbereit: Handy, Ladekabel, Ausweis, Geldtasche, Snacks
C) Garderobe: Wechselbekleidung, Unterwäsche, Hose, Shirts, Sweater, Socken, Schuhe
D) Toolbox: Ärmlinge, Beinlinge, Jacke/Gilet, Pumpe, Ersatzschlauch, Kappe/Haube, Essbesteck, Zahnbürste und - pasta, Seife, Kocher

TIPPS:

Auftanken mit Twist: Mit einer magnetischen Twist Bottle kommt man trotz Packtasche an die Trinkflasche. Einfach "Twist!" abnehmen, trinken.

Rahmen vor Riemen schützen: Mit transparenten Helicopter-Tape (Hightech aus der Luftfahrttechnik) bleibt der Rahmen trotz Taschen und deren Befestigung kratzfrei.
 

Fahrraddiebstahlversicherung:

Sicherheit für Bike-Packer: Mit einer Merkur Fahrradversicherung sind das Fahrrad und seine Teile gegen Diebstahl abgesichert!
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